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| ExpressoTHEMA |
Persönlicher Feldzug
Von Lasse Dudde
Es war am 27. September letzten Jahres, und in seinem SWR-Talk Menschen der Woche hatte Frank Elstner gerade diese Frau mittleren Alters zu Gast, die oft wie eine überdrehte Klassensprecherin oder übermotivierte Kreisdelegierte der Jusos wirkt.
Jutta Rabe war mal wieder gekommen, um als Heldin aufzutreten, als ganz und gar unerschrockene Wahrheitssucherin, als einzig wahre Expertin.
Es ging um ihren Spielfilm Baltic Storm, der im Herbst 2003 in die deutschen Kinos kam, der ein Massenpublikum ins Entsetzen über finstere Mächte setzen sollte, jene verschwörerischen Kräfte, die alles verleugnen und vertuschen, die lügen und fälschen. Jutta Rabe, Jahrgang 1955, war abermals gekommen, um sich huldigen zu lassen.
Doch dann kam dieser dumme Satz. Von Schweden (sie sagte dies im Tonfall der früheren Perwoll-Werbung: „Manche nehmen eben immer noch das falsche Waschmittel“) hätten die Deutschen ja immer noch dieses Bild von einer freien Gesellschaft. Das sei in Wahrheit aber alles ganz anders.
Schweden sei ein Land, das von einer Art von Regime regiert werde, das die Wahrheit verdunkle. Das habe man ja schon bei der Suche nach dem Mörder von Olof Palme gesehen. Bei der „Estonia“ sowieso und letztens auch beim Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh. In Schweden wisse jedes Kind, dass Anna Lindh ein uneheliches Kind von Olof Palme sei. Da gäbe es einen Zusammenhang. Aber der solle mal wieder vertuscht werden.
Frank Elstner erwiderte ob dieser Geschmacklosigkeit wahrheitsgemäß, dass er diese Behauptung nun nicht auf die Schnelle nachprüfen könne und wünschte Jutta Rabe für die Zukunft alles Gute.
Jutta Rabe. Ein Name. Ein Programm. Ein Irrsinn.
Schon früh hatte die ehrgeizige Reporterin für mehrere Aufsehen erregende Beiträge von Spiegel-TV verantwortlich gezeichnet. Vor genau zehn Jahren, die „Estonia“ war noch nicht gesunken, hatte Rabe in Russland eine Reportage über angebliche Forschungen an angeblich illegal abgetriebenen Föten gedreht. Es ging auch um den angeblich illegalen Einsatz eines angeblich illegalen Abtreibungsmittels namens „Nalador“.
In Deutschland wurde der Beitrag kaum zur Kenntnis genommen, in Russland sorgte der Sender NTV durch die Ausstrahlung des Beitrages für Aufregung: Das Moskauer Gesundheitsministerium drohte Rabe mit rechtlichen Schritten, der damalige Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin setzte eine Untersuchungskommission ein. Schnell stand fest: Rabe konnte keine ihrer Behauptungen auch nur ansatzweise belegen. „Nalador“ ist bis heute ein gängiges Präparat sowohl in Deutschland als auch unter anderem Frankreich und der Schweiz.
Der Reporterkarriere tat dies aber keinen Abbruch: Nicht weniger als vierzehn Beiträge allein über die „Estonia“ wurden von Jutta Rabe im Auftrag von Spiegel-TV produziert.
Heute lagern diese sämtlich im Giftschrank im Verlagshaus an der Hamburger Ost-West-Straße. Und Chefredakteur Stefan Aust ist nicht mehr gut auf die ehemalige „freie Mitarbeiterin“ zu sprechen. Er legt gegenüber ExpressoGuide Wert auf die Feststellung, dass „Frau Rabe nie für den Spiegel tätig“ gewesen ist.
In Schweden wurde der Name der Spiegel-TV-Reporterin schnell zum Synonym für eine äußerst umstrittene Art der Berichterstattung.
Hatte sich die Deutsche dem Anschein nach anfänglich noch um eine kritische Bestandsaufnahme der durchaus fehlerhaften Arbeit der Untersuchungskommissionen und der ihr zuarbeitenden Behörden und Institutionen bemüht, meldete sich Jutta Rabe später ausschließlich als aggressive Verfechterin nachgerade beliebiger Attentatstheorien zu Wort.
40-Tonner im Meer verschwinden lassen
Jahrelang war auch die abseitigste These sendefähig, wonach die Ostseefähre mal für den Drogenschmuggel, mal für den heimlichen Transport von Atomwaffen von Russland über Schweden in die USA benutzt worden sei.
Im einen Fall habe die russische Maffia, um eine Razzia im Zielhafen Stockholm schadlos zu überstehen, den Kapitän dazu gezwungen, bei stürmischer See das Bugtor öffnen zu lassen, um einen einschlägig beladenen 40-Tonner im Meer verschwinden zu lassen.
Dann wieder waren westliche Geheimdienstler am Werk, die sich Hightech-Waffen aus Russland besorgt und diese mit der "Estonia" außer Landes gebracht hätten. Um das Treiben zu unterbinden, hätten russische Agenten das Schiff gesprengt.
Und die Meyer-Werft sekundierte fortan bei jeder neuen medialen „Beweissuche“. Denn jede noch so verwegene Bombentheorie war aus Sicht der deutschen Schiffbauer willkommen, lenkte sie doch von möglichen Konstruktionsfehlern an der „Estonia“ ab und schützte so womöglich vor eventuellen Schadensersatzforderungen der Hinterbliebenen.
Im Sommer 1995 forderte Rabe erstmals die Behörden der drei Staaten Estland, Schweden und Finnland heraus und begleitete mit ihrem Team eine Expedition, die die tote Frau des polnischstämmigen Schweden Peter Barasinski aus dem Wrack bergen sollte. Was natürlich nicht gelingen konnte. Aber die Außenwirkung war enorm.
Schon vorher behauptete die gelernte Volkswirtin immer wieder, im Interesse der Angehörigen der „Estonia“-Opfer zu agieren.
Dies wird von vielen der Betroffenen energisch bestritten. Mit ein Grund: Recht bald stand der Verdacht im Raume, dass es zwischen der Spiegel-TV-Mitarbeiterin und der Meyer-Werft eine Nähe gab und gibt, die über die Verbindung eines Recherchekontaktes hinausgeht.
Hat sich die Meyer-Werft für die „Bomben“-Theorie erkenntlich gezeigt?
Bewiesen werden konnte das nie. Allerdings wurde es bisweilen auch manchem Spiegel-Redakteur schwindelig, wie unverhohlen Rabe beispielsweise mit dem häufig in den Medien als „unabhängigen Gutachter“ auftretenden, in Wahrheit aber (genauso wie der Leiter der deutschen Expertenkommission, Dr. Peter Holtappels) im Auftrag der Papenburger Schiffbauer arbeitenden Hamburger Kapitän Werner Hummel in Talkshows auftrat. Man war auf du und schanzte sich zuweilen gegenseitig die Stichworte zu.
Spätestens im Sommer 2000 machte sowohl unter einigen deutschen als auch bei vielen schwedischen Medienvertretern die Frage die Runde, ob – und wenn ja: inwieweit - die Meyer-Werft in die Arbeit der Spiegel-TV-Reporterin eingebunden sein könnte.
Um die Bombenthese zu untermauern, hatte Rabe zusammen mit dem amerikanischen Wracktauchexperten Gregg Bemis das Spezialboot „Eagle One“ gemietet, um als Beweis ein von Tauchern vom Wrack abgeschweißtes Stück Schiffsstahl zu bergen.
An Bord der „Eagle One“ befand sich neben den Tauchern eine Schar handverlesener Journalisten wie Spiegel-Redakteur Thilo Thielke und – mal wieder – Meyer-Werft-Gutachter Werner Hummel. Auf schwedischen Fernsehbildern ist er dabei zu sehen, wie er Aufnahmen von seiner Person an Bord zu verhindern versucht.
Zuvor war von Rabe und Hummel jegliche Zusammenarbeit kategorisch bestritten worden. Dann hieß es, der „Schiffsachverständige“ Hummel habe lediglich eine Unterwasserkamera an Bord gebracht und ansonsten mit der Expedition nichts zu tun gehabt. „Ich habe den Hummel anschließend total gefaltet“, erklärt Meyer-Werft-Anwalt Dr. Peter Holtappels heute gegenüber ExpressoGuide.
„Aust war in dieser Sache einfach nicht zu bremsen“
Komisch.
Denn Holtappels war damals prompt mit der Behauptung an die Presse gegangen, man habe nun endlich den „Missing Link“ für den Beweis gefunden, dass die „Estonia“ von einer Bombe versenkt worden sei.
Gegen Rabe wurde in Schweden im Sommer 2000 wegen „Störung der Totenruhe“ ein Haftbefehl erlassen. Die Deutsche kann seitdem weder schwedischen, finnischen noch estnischen Boden betreten, ohne das Risiko einzugehen, sofort abgeführt zu werden. Ein amtliches Siegel für Rabes Selbstverständnis als Märtyrerin im Dienste der Aufklärung.
Innerhalb des Spiegel war die „Estonia“- Berichterstattung indessen von Anfang an höchst umstritten gewesen. „Wir haben uns jahrelang dafür geschämt“, sagt ein Redakteur, „aber Aust war in dieser Sache einfach nicht zu bremsen.“
Wann man beim Spiegel offenbar endgültig das Gefühl hatte, die Geister nicht mehr los zu werden, die man zuvor gerufen hatte, ist nicht mehr genau nachzuvollziehen.
Fest steht: Als Jutta Rabe direkt nach den Tauchgängen unversehens ankündigte, die dort gemachten Filmaufnahmen für einen Polit-Thriller verwenden zu wollen, setzte in der Chefetage bei Spiegel und Spiegel-TV schließlich eine radikale Kurskorrektur ein. Das Hamburger Pressehaus traute selbst nicht mehr der eigenen „Estonia“-Reporterin.
Die späte Kehrtwende des Spiegel
Selbst als Rabe Proben eines geborgenen Wrackteils der „Estonia“ beim Materialprüfungsamt des Landes Brandenburg und beim "Institut für Materialprüfung und Werkstofftechnik Dr. Dölling und Dr. Neubert GmbH" in Clausthal-Zellerfeld einreichte, Gregg Bemis dasselbe in San Antonio tat, und alle drei Labors zu dem Schluss kamen, die Deformationen rührten von einer Bombe her, misstraute das Hamburger Nachrichtenmagazin den Untersuchungsergebnissen.
„Zu diesem Zeitpunkt wurde offenbar, dass Frau Rabe die Suche nach der Wahrheit als persönlichen Feldzug begreift und die Grenzen journalistischen Handelns verlässt“, sagt Aust heute.
Der Spiegel gab ein Gegengutachten in Auftrag: Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin und die Firma USF Schlick im nordrhein-westfälischen Metelen konnten schließlich zweifelsfrei nachweisen, dass die Spuren das Ergebnis einer Rostschutzbehandlung, wie sie im Schiffbau üblich sind, gewesen waren.
Die Zusammenarbeit mit Jutta Rabe wurde daraufhin gekündigt. Im ersten Heft des Jahres vom 3. Januar hatte man noch der Bombentheorie eine Titelgeschichte gewidmet und „neue Enthüllungen“ versprochen.
Am 22. August des Jahres erschien bei Spiegel-Online eine Agenturmeldung mit der Überschrift „Geldgier oder Wahrheitssuche“, in der erstmals kritische Stimmen zu der Tauchexpedition zu Worte kamen, die mehrjährige Arbeit Rabes für den Spiegel-Konzern hingegen mit keiner Silbe erwähnt blieb.
Zum Ende des Jahres 2000 ließ Spiegel-TV Interessierte wissen, dass „sämtliche Beiträge über die „Estonia“ mit einem Verkaufsverbot belegt“ worden seien.
Und wenige Wochen später, ziemlich genau ein Jahr nach der Titelgeschichte, hieß es im Spiegel vom 29. Januar 2001 über Jutta Rabe: “Jahre ihres Lebens hat sie in die Bombentheorie investiert, und für sie geht es auch um Geld: Im Sommer soll mit ihrer Firma Top Story ein Spielfilm über das Attentat auf die “Estonia” gedreht werden. Da könnten Recherchen mit anderem Ergebnis stören.”
Rabe-Film landet bei Focus-TV
Für Rabe ist hingegen klar: Chefredakteur Stefan Aust sei vor dem Druck der deutschen Regierung eingebrochen. In Stockholm wie in Berlin regieren schließlich Parteifreunde. Der Bundeskanzler und der Chefredakteur seien im Übrigen alte Kumpels. Thomas Amann, Reporter bei Spiegel-TV, winkt entnervt ab: „Das kennen wir allmählich alles.“
Jutta Rabes letzter Fernsehbeitrag wurde nach dem Rauschmiss in Hamburg dennoch gesendet – bei Focus-TV, dessen Redaktion den Film offenbar naiv übernahm und am 17. Dezember 2001 senden ließ.
2003 folgte ein Buch „Die Estonia, Tragödie eines Schiffsuntergangs“(Verlag Delius Klasing), das als „Buch zum Film Baltic Storm“ (Untertitel) offenbar als eine Art besseres Programmheft dienen sollte.
In dem dann fast einhellig sowohl in Deutschland als auch in Schweden verrissenen, pseudo-dokumentarischen Spielfilm, der die Verschwörungstheorie plausibel machen soll, lässt sich Jutta Rabe ungeniert als einsame Heldin zelebrieren.
Jutta Rabes Alter Ego Julia Reuter sagt dann unter anderem Sätze wie „Ich habe gelernt, dass die Aufgabe eines Journalisten darin besteht, der Welt den Spiegel vorzuhalten.“
Es treten in Nebenrollen auch Filmstars wie Donald Sutherland oder Jürgen Prochnow auf, die vorher offenkundig nicht gewusst haben, auf was sie sich bei dem teilweise im Fachwerk-Surrounding von Goslar gedrehten Dokudrama eingelassen hatten.
Kein Wunder: Der beauftragte Regisseur Reuben Leder produziert gewöhnlicherweise Massenware der Preisklasse Texas Ranger, Kung Fu: The Legend Continues und Baywatch.
“Agentenklamotte auf Kosten der Estonia-Opfer“
Der Film handelt auch erst in zweiter Linie von der „Estonia“-Tragödie, und auch die 852 ums Leben gekommenen Menschen spielen in Rabes Baltic Storm eher eine untergeordnete Rolle.
Es geht vor allem um die gestresste aber herzensgute, allein erziehende Mutter eines Teenagers, die als kämpferischer Gutmensch zum Schluss derartige Ausmaße annimmt, dass sie am Ende völlig den Blick auf die Tragödie verdeckt.
Fast alle Film-Schweden wirken wie das Klischee vom bösen Osteuropäer, Rabe wird von einer Italienerin gespielt, Prochnow spielt einen Schweden.
Fazit des Berliner Zeitung-Kritikers Torsten Harmsen: „Der Film wirkt wie eine Agentenklamotte auf Kosten der Estonia-Opfer.“
Der Streifen wurde groß beworben, aber in den Kinos war er ein völliger Flop. Jetzt gibt es ihn zu allem Überfluss auch noch auf DVD.
Das Drehbuch im Wesentlichen geschrieben hatte Henning Witte, seines Zeichens Anwalt in Stockholm und mit Rabe befreundet. Er war– selbstredend - auch schon Gast bei Spiegel-TV.
Der junge Deutsche, der nach eigener Aussage für die "Befreiung Schwedens von bösen Mächten" eintritt, geht davon aus, dass hinter dem Untergang der „Estonia“ der „schlimmste Massenmord der neuesten schwedischen Geschichte“ steckt.
Zu den Pressevorstellungen sowie zur Premiere des Films in Berlin im Oktober 2003 wurde allen schwedischen Journalisten trotz halbleerer Kinosäle der Zutritt verweigert, ebenso erging es sämtlichen Mitgliedern von Hinterbliebenenorganisationen, die den Verschwörungstheorien kritisch gegenüber stehen.
„Ich finde es schon schlimm, wie wenig Rücksichten auf die Gefühle von Menschen genommen wird“, sagt Mats Hillerström, der zu den wenigen Überlebenden der Schiffskatastrophe zählte. „Jutta Rabe geht es doch nur ums Geld.“
Hillerström gehörte zu den Befürwortern eines Aufführungsverbots in Schweden, wo der Streifen im Frühjahr in vorwiegend leeren Kinosälen anlief.
Auch der amerikanische Tauchexperte Gregg Bemis ist längst von der Zusammenarbeit mit Jutta Rabe abgerückt. „Ich halte heute das Vorgehen von Rabe insgesamt für ziemlich unverantwortlich“, sagt Bemis heute. „Ihr Agieren führt zu nichts und läuft immer nur darauf hinaus, Menschen zu irritieren.“
Erschienen: 30.09.2004
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