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ExpressoHORROR

Warum lügen Sie?

Virgin Islands, Karibik, auf der Fähre zwischen Tortola (UK) und St. Thomas (US). Tief durchatmen. Die Pressereise hat sich gelohnt, die Geschichten sind im Sack. Nichts wie nach Hause, nach Kanada. Nur zwei Flüge liegen dazwischen, St. Thomas (US-Virgin Islands) - Miami und Miami - Montreal, knapp sechs Stunden Flugzeit alles in allem. Ein Klacks.
Doch es kommt alles anders.

US-Passkontrolle, im Hafen von St. Thomas. Yachten, Kreuzfahrtschiffe, Wasserflugzeuge. Die Passagiere der “Native Son” aus Tortola schieben sich in einer Schlange vom Kai langsam in das Zollgebäude.

Ich bin dran.

“Sir, Sie haben keinen Respekt vor amerikanischen Gesetzen?”

“Wie bitte?”

“Sie haben keinen Respekt vor amerikanischen Gesetzen? Sir?”

“Doch, natürlich.. Äh, Ich verstehe nicht, was Sie meinen..”

“Ihnen wurde nie die Einreise in die USA verweigert? Sir?”

“Äh... nein. Nicht dass ich wüsste.?”

Plötzlich bin ich hellwach. Das kann nicht sein. Einreise in die USA verweigert? Wann denn? Schnelldurchlauf durch die letzten elf Jahre.
Seit 1993 lebe ich in Kanada, als resident anerkannt und meine Steuern an den kanadischen Fiskus entrichtend. Als Reisejournalist bin ich zwangsläufig viel unterwegs. So viel, dass meine Frau mich manchmal nicht wieder erkennt. Ich bin auch oft in den USA unterwegs, natürlich, von Montreal, wo ich wohne, bis zur Grenze sind es bloß achtzig Kilometer. Dass mir die Einreise jemals verwehrt wurde und ich umkehren musste, daran kann ich mich nicht erinnern. Beim besten Willen nicht.

Doch es wird noch besser. Der Zollbeamte, er scheint das persönlich zu nehmen, legt noch einen drauf.
“Warum belügen Sie die amerikanischen Zollbehörden? Sir?”

“Lügen? Das würde ich nie..?

“In Ihrem Einreiseformular geben Sie an, Ihnen sei nie die Einreise in die USA verweigert worden. Ihre Akte besagt jedoch das Gegenteil. Sir. Warum lügen Sie? Sir?”

Jetzt habe ich auch noch eine Akte. Bin aktenkundig. Und damit im Visier der Homeland-Schützer. Langsam werde ich nervös. Seit dem 11. September 2001 ist der amerikanische Zollbeamte Alleinherrscher über seinen Schalter. Er darf Reisende, die ihm verdächtig erscheinen, eigenmächtig wieder nach Hause schicken. In meinem Fall wäre das eine Katastrophe. Schickt er mich nach Tortola zurück, sitze ich fest.
Direktflüge nach Kanada gibt es von dort aus nicht. Es sei denn, ich fliege über London. London, England, natürlich.

“Please step aside, Sir.”

Die Schlange zieht langsam an mir vorbei. Es ist eng hier, ungefähr dreißig Reisende haben unseren Austausch mitbekommen. Ein mitfühlender Blick oder eine andere Geste der Solidarität wäre jetzt schön, aber alle haben ihr Pokerface aufgesetzt.

Plötzlich komme ich mir verdammt einsam vor. Zuletzt winkt der Beamte mich wieder herbei. Seine versteinerte Miene hat sich inzwischen etwas gelöst, aber ein gutes Zeichen ist das nicht.
Er scheint Witterung aufgenommen zu haben. Seine Finger rasen über die Tasten, die Augen kleben am Bildschirm. Ich habe fraglos einen ganz Beflissenen vor mir. Montreal rückt mit jeder Minute weiter weg. Nach einer kleinen Ewigkeit schießt er, ohne aufzublicken, die nächsten Fragen ab.

“Ihre Akte besagt, dass Ihnen im Juni 2003 die Einreise verweigert wurde.”

“Was? Daran kann ich mich nicht erinnern.”

“Ihre Akte besagt weiter, dass Sie mehrmals länger als die Besuchern Ihres Landes zugebilligten 90 Tage in den USA geblieben sind.”

Ich weiß nur von einem overstay-Vorwurf. Der stammt aus dem Jahr 1997. Damals vergaß ich, mein Besuchervisum, ein grünes, in den Pass geheftetes Blatt namens visa waiver, auf dem die Besuchsdauer angegeben ist, bei der Ausreise wieder abzugeben.

Seit den Terroranschlägen des 11. September fragen die US-Grenzer deswegen nach. Probleme hatte ich jedoch nie. Sicherheitshalber schleppe ich seitdem jedoch auf allen US-Reisen Kopien meiner kanadischen Rechnungen von 1997 mit mir herum.
Die belegen, dass ich damals nicht länger blieb als angegeben. Da verweigerte mir ein Beamter in Vermont wegen 1997 offiziell die Einreise, genehmigte sie mir eine Sekunde später doch und trug gleich die Begründung in meine “Akte” ein: Journalist, Recherchetour, kehrt gewiss nach Kanada zurück, kein Problem.

“Folgen Sie mir, Sir.”

Ich werde in ein Büro hinter getönten Glasscheiben geführt.

“Take a seat, please.”

Ich nehme auf einem Bürostuhl Platz und harre nun der Dinge. Das nächste Schiff kommt erst in zwei Stunden. Michael Miller, so soll der Beamte hier heißen, kann sich mir also ausgiebig widmen.

“Wo waren Sie im Januar 2001?”

Keine Ahnung. Im meinem Gehirn herrscht Ebbe. Ausgerechnet Amerikas schwarzes Jahr. Ach ja, jetzt erinnere mich.

“In Salt Lake City. Für vor-olympische Wintergeschichten.”

Miller bearbeitet mit starrem Blick die Tasten. In anderthalb Stunden geht mein Flieger nach Miami.

“Unseren Informationen zufolge waren Sie damals acht Monate in den USA.”

Miller blinzelt. Ein Kollege kommt herüber und guckt ihm über die Schulter. Ist ihnen da ein dicker Fisch ins Netz gegangen? Ich will nicht wissen, was sie denken, trete die Vorwärtsverteidigung an.

“Das wird daran liegen, dass ich im Sommer dieses Jahres wieder in Utah war, für Outdoor-Geschichten. Am 11. September war ich in einem Hotel in Brian´s Head und verfolgte die Katastrophe in New York am Fernseher.”

Ich fluche innerlich. Verdammt. Mal wird mein visa waiver bei der Ausreise ausgerissen, mal nicht. Mal werde ich durchgewunken, mal nicht. Ist doch nicht meine Schuld. Doch Miller hat noch ein Vergehen, nunmehr das dritte, aufgespürt. Er scheint es zu genießen.

“Sir, Sie sind Journalist?”

Als wenn er das nicht schon längst wüsste.

“Und Sie arbeiten in den USA ohne Arbeitsgenehmigung?”

Bislang, auch nach dem 11. September, war das kein Thema gewesen. Ich hatte bei jeder Einreise meine Aufträge, Presseausweise und Arbeitsproben vorgelegt, meine Geschichte erzählt und war danach eingelassen worden.

“Well, Sir, Sie sind dreier Vergehen schuldig. Wir können Sie nicht einreisen lassen.”

Millers Kollege, er soll hier Smith heißen, schlägt vor, keinen Wirbel zu machen. Aber davon will Miller nichts wissen. Er ruft seinen Supervisor an. Doch der weiß nichts Genaues - oder will nichts Genaues wissen. Miller und Smith beraten sich leise. Keiner scheint sich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen. Klack, klack, der Minutenzeiger rückt erbarmungslos weiter, noch eine Stunde bis zu meinem Abflug. Wie weit ist es zum Airport? Miller denkt angestrengt nach - ein Königreich für seine Gedanken. Dann langt er wieder in die Tasten.

“Um Ihnen zu zeigen, dass wir keine Unmenschen sind, werde ich die Bestimmungen ein bisschen dehnen. Ich habe das noch nie gemacht und begebe mich damit selbst auf Glatteis.”

Keine Ahnung, wovon er spricht. Wieder berät er sich mit seinem Kollegen. Der scheint ihm abzuraten, doch Millers Kopf wippt aufgeregt hin und her.

“Wir werden Ihnen die Einreise verweigern, Sie aber nicht nach Tortola zurück schicken, sondern nach Kanada.”

Er sieht zufrieden aus. Wieder greift er in die Tasten. Dieses Mal schreibt er einen Roman. Dann bittet er mich, die rechte Hand zu heben.

“Schwören Sie, dass Sie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen.”

Was bleibt mir anderes übrig? Danach beantworte ich etwa 50 Fragen, die meisten sind privater Natur, die wenigsten beruflicher, zum Schluss bejahe ich, alle Fragen verstanden zu haben. Am Ende schiebt Miller, ohne mich eines Blickes zu würdigen, meine Kopie des Record of Sworn Statement in Administrative Proceedings über den Tisch.

Doch dann kommt Millers Vorgesetzter ins Büro gerauscht.
Er ist stinksauer.
Er hätte nur noch zwei Jahre bis zur Pension vor sich, zischt er, die ließe er sich nicht wegen einem weichen Umkipper versauen.
Warum man mich nicht nach St. Maarten abschöbe?
Da gäbe es Direktflüge nach Kanada... Miller schluckt und steht stramm. Das habe er nicht gewusst, Sir. Und, Sir, yes, Sir, natürlich wolle er auch die nächsten 25 Jahre bei der US-Immigration arbeiten. Smith ist hinter einer Regalwand in Deckung gegangen.

Dann sagt Miller, er nehme meinen Fall auf seine Kappe. Und dass er eine gute Lösung gefunden habe. Der Vorgesetzte mustert seinen Mann von oben bis unten. Dann macht er auf dem Absatz kehrt und ruft im Hinausgehen, ihn bloß aus allem heraus zu halten.

Danach kommt Bewegung in die Sache. Cousin und sein Kollege eskortieren mich persönlich zum Flughafen. Uniformiert, mit Funkgerät, Dienstrevolver und Schlagstock bewaffnet, begleiten sie mich zum Gepäckschalter, durch die Kontrollen und bis zum Flugzeug. Die übrigen Passagiere starren auffällig unauffällig hinter uns her.

Der Chefsteward der Maschine erhält von Miller den versiegelten Umschlag mit meinem Pass und den Tickets mit der Maßgabe, ihn bei der Ankunft in Miami den dort auf mich wartenden Beamten zu überreichen. Dann werde ich in die noch leere Maschine entlassen. Miller und Smith mag ich keines Blickes würdigen. In Miami muss ich warten, bis alle Passagiere den Flieger verlassen haben. Dann nehmen mich zwei weitere Beamten in Empfang und führen mich zum Gate der Maschine nach Montreal.

Dem einen, er ist ein Kubaner aus Little Havanna in Miami, ist das Ganze sichtlich peinlich. Er sei schon mal in Montreal gewesen, macht er Konversation, eine tolle Stadt sei das. Ich bedanke mich für seine Freundlichkeit.

Verlegen drückt er mir meine Papiere in die Hand und wünscht eine gute Reise. Ich habe meine Identität wieder. Ich atme tief durch. Oh, Kanada, Land der Freieren, ich komme.



Foto: ExpressoGuide






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